Vulkanboarding und -hopping in Nicaragua

Am Montagmorgen standen wir früh an der meist gefürchteten Grenze unsrer ganzen Reise: Dieser zu Nicaragua. Die Grenze ist nicht nur wegen den wie üblich komplizierten Prozessen berüchtigt, sondern auch aufgrund der rigorosen Kontrollen. So sind in Nicaragua Drohnen ganz verboten und andere Geräte wie zum Beispiel Funkgeräte auch nicht gerne gesehen. Jegliche Geräte halt, die irgendwie dazu genutzt werden könnten das Regime auszuspionieren, sind tabu. An der Grenze gibt es riesige Scanner, durch welche die meisten Touristen durchfahren müssen. Wir haben auch gehört wie andere schon dazu gezwungen wurden ihre ganzen Camper leerzuräumen und das Gepäck und den Camper dann separat durch den Scanner mussten. Wenn eine Drohne gefunden wird, was mit Scanner durchaus möglich ist, wird sie natürlich konfisziert.

Zettelkrieg an der Grenze

Wir haben uns den Grenzübergang ausgesucht, von welchem wir am wenigsten schlimme Geschichten gelesen haben und hatten Glück. In nur 2 Stunden waren wir durch, mussten nicht durch den Scanner und nichts wurde weggenommen. Wir mussten einen teuren PCR Test für die Einreise machen und uns 7 Tage vorher zeitaufwendig online anmelden, aber ansonsten bestand der Übergang aus dem üblichen Prozedere. Mit gefühlt Hunderten von Zettelchen jonglierend, die wir von verschiedenen Stellen und Personen an der Grenze erhielten und an anderen Stellen wieder abgaben, meistern wir den Grenzübergang.
Nach Kauf einer Simkarte finden wir als erstes Jemanden, der uns für 20 Dollar unser Loch in der Felge schweisst, durch welches Luft rauskommt. Danach fahren wir durchs Land und gewinnen erste Eindrücke. Nicaragua kommt uns ärmer vor, als wir es uns vorgestellt haben, d.h. nicht deutlich reicher als beispielsweise Honduras. Die Menschen leben sehr sehr einfach. Auf dem Land sieht man kaum Autos – dafür Ochsenkarren oder Pferdekarren, die immer nett Platz machen, wenn man auf der einspurigen Strasse vorbeifährt. Nutztiere wie Schweine, Hähne oder Küken laufen alle frei rum – man muss stets aufpassen nichts zu überfahren. Die Menschen sind grad auf dem Land sehr nett und grüssen immer. Wir hätten erwartet mehr Touristen anzutreffen, aber der Tourismus beschränkt sich auf ein paar sehr wenige Orte. Auffallend sind die vielen Polizeikontrollen, aber diese hängen mit dem Regime und dessen Umgang mit Opposition zusammen.
Der aktuelle Präsident hat, nachdem er die Regel aufgehoben hat, dass ein Präsident maximal 2 Regierungszyklen regieren darf, nach und nach demokratische Organe ausgehebelt und ist nach Unterdrückung der Opposition nun bereits zum vierten Mal hintereinander im Amt. Kämpfe und Unruhen zwischen Regierungsbefürwortenden und Protestierenden haben in den letzten Jahren zu vielen Toten geführt.

Boarding auf dem Cerro Negro Vulkan

Unser erstes Ziel ist der Cerro Negro Vulkan – der jüngste, aktivste Vulkan von Nicaraguas 19 aktiven Vulkanen. Dort können wir direkt am Fusse des Vulkans auf dem schwarzen Sand stehen und übernachten. Am Eingang mieten wir Vulkanboarding-Ausrüstung. Ja, man kann hier mit einem Holzbrett den Vulkan runterdüsen. So brechen wir am nächsten Morgen auf und schleppen unsere Boards 400 Höhenmeter rauf auf den Cerro Negro. Der Krater und die Aussicht sind eindrücklich. An vielen Orten dampft es, der Vulkan ist unübersehbar aktiv. Der Runterweg ist weniger anstrengend – wir ziehen den Schutzoverall, – brille und -handschuhe an und düsen auf dem Board sitzend den Vulkan runter. Eine lustige und andrenalinreiche Angelegenheit, wenn auch der Vulkanstaub trotz Brille in die Augen, Nasenlöcher, Ohren und auf die Lunge kommt.

Auf der Catedral de León

Revolutionäres León

Weiter gehts ins Städtchen León, wo wir Anouks Geburtstag feiern möchten und das erste Mal seit Mexico City vor 3 Monaten wieder in einem richtigen Bett schlafen und uns ein Hotel leisten. Das Hotel ist zwar eine grosse Enttäuschung (für 70 USD pro Nacht gibt es nicht mal eine warme Dusche), aber der Rest von León gefällt uns. Wir besuchen die Kathedrale von León – die grösste Zentralamerikas. Man kann sogar aufs Dach der weissen bis blendend schneeweissen Kathedrale, muss aber die Schuhe ausziehen, um das Weiss nicht zu beschmutzen. Ein weiterer Ausflug machen wir ins Muséo de la Revolucion, wobei Museum vielleicht übertrieben ist. Das alte historische Gebäude ist sehr heruntergekommen, hat Kugellöcher und ist innen voller Taubenkot. Die Ausstellung besteht aus ein paar Plakaten und alten Zeitungsausschnitten, welche die 1979 Revolution und wichtige Figuren dabei ehrt. Bis 1979 regierte eine diktatorische Familie, unterstützt von den USA, Nicaragua. Wie in anderen Ländern Lateinamerikas gab es Guerilla-Bewegungen, in diesem Falle die Sandinistische Befreiungsfront. Nachdem ein desaströses Erdbeben die Hauptstadt komplett zerstörte, und darauf die internationalen Hilfsgelder hauptsächlich in die Taschen des Diktators wanderten war ein Wendepunkt erreicht. Die Revolution, getrieben von den Guerillakämpfern konnte durchgeführt werden. Die Jahre danach regierte die Befreiungsfront und führte demokratische Institutionen ein. Unter anderem aufgrund internationaler Sanktionen hatte die Regierung weiterhin Mühe das Land aus Misere und Armut zu erlösen, worauf sie bald durch eine konservative Regierung ersetzt wurde. Wirtschaftlich brachte diese zwar mehr Erfolg, brachte aber auch nie da gewesene Wellen der Korruption mit sich. So gewann irgendwann wieder Daniel Ortega mit seiner sandinistischen Befreiungsfront die Wahlen und untergräbt seither nach und nach die Demokratie. Extrem tragisch, auch die Rollen der USA und des Westens bei der Unterstützung der diktatorischen Kräfte und Einführung von Sanktionen dazumal gegen eine Regierung die einst Besserung brachte. León spielte während der Revolution 1979 eine treibende Rolle. Die eigentliche Attraktion des Museums ist es durch einen ehemaligen Guerillakämpfer, der selbst an vorderster Front mitgekämpft hatte, geführt zu werden. Er drückt uns die am Boden liegende kaputte Bazooka in die Hand und erzählt voller Leidenschaft von der Revolution, aber auch mit Ernsthaftigkeit von den Folterungen und all seinen gestorbenen Mitkämpfern. Obwohl die Tour in Spanisch ist, erzählt er so lebhaft und gestikreich, dass man ihn gut versteht. Interessant ist die Exkursion mit ihm aufs Dach des Gebäudes. Das Wellblechdach ist löchrig und fühlt sich so unstabil an, dass man sich bei jedem Schritt vorkommt wie bei Russisch Roulette – nicht wissend, ob man nun einstürzt oder nicht. Aber die Aussicht war wunderbar.

Am Kraterrand vom Telica Vulkan

Nach Léon fahren wir zum Telica Vulkan. Wir verfahren uns zuerst ein paar Mal – der Weg ist nicht häufig befahren und oft so bewachsen, dass wie ihn mit der Machete befreien müssen. Wenn dann begegnen wir hauptsächlich Ochsenkarren. So fühlen wir uns auch genug sicher am Fusse des Vulkans nach einem wunderschönen Sonnenuntergang zu übernachten. Am Morgen wandern wir zum Krater. Der riesige, dampfende Krater ist der
Wahnsinn. Wir können direkt am Kraterrand stehen, wo es senkrecht runter geht und es gibt keine Sicherheitsmassnahmen weit und breit – ziemlich furchteinflössend. Man atmet die Schwefeldämpfe ein und hören es unten brodeln.

Granada von der Auf der Iglesia La Merced aus

Vorzeigestadt Granada

Nach Telica gehts für uns weiter Richtung Managua, der Hauptstadt von Nicaragua, wo wir nur anhalten, um ein paar Besorgungen zu machen. Wir wollen dem Masaya Vulkan einen Besuch abstatten, aber der ist nach einem Erdbeben grad zu aktiv. So fahren wir stattdessen zum Fort Fortaleza de Coyotepe. Hier können wir übernachten und haben zum Sonnenuntergang eine schöne Rundumaussicht auf das ganze Land. Der Wächter gibt uns nach Sonnenuntergang eine kurze Führung durch das Verlies unter dem Forts mit seiner düsteren Geschichte. Die vielleicht 20-Quadratmeter grossen Räume haben jeweils 100 von Gefangenen gleichzeitig beherbergt – teilweise jahrelang in vollkommener Dunkelheit. Er führte uns auch durch die Folterkammern, wo die Blutspuren noch deutlich auf den Wänden zu sehen sind. Weiter sind wir nach Granada, eine wunderschöne, elegante, grosszügig erbaute Stadt. Als eine der ersten Kolonialstädte in den Amerikas diente sie als Vorzeigestadt, mit welcher die Spanier der Welt beweisen wollten, was sie alles zu bieten haben. Inzwischen einige Male durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört und wieder aufgebaut ist sie wirklich sehr hübsch. Wir spazierten einen Tag lang in der touristischen Stadt herum und probierten lokales Essen aus.

Brodelndes Lava im Masaya

Beim zweiten Versuch klappt dann der Masaya Vulkan doch noch. Wir können bis zum Krater des Vulkans fahren und geniessen dort den Sonnenuntergang. Nach dem Eindunkeln bestaunen wir endlich die Besonderheit dieses Vulkans: Wir können im Krater des Masayas direkt das rot leuchtende brennende Lava beobachten. Wie sind schwer beeindruckt, wenn wir auch nicht ganz so nahe an den Kraterrand kommen wie beim Telica.

Gefahrene Kilometer seit Reisebeginn
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Und so kann man sich das Vulkan-Boarden vorstellen:

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